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Bertold Bernreuter

Interkulturelle Kommunikation zwischen Wissenschaftsanspruch und Wirtschaftsorientierung




Studiengang Interkulturelle Kommunikation
Ludwig-Maximilians-
Universität München
Oettingenstr. 67
D-80538 München
DEUTSCHLAND
Tel. +49 (89) 21782617
Fax +49 (89) 21782602
emailikk@lrz.uni-
muenchen.de

external linkhttp://www.fak12.uni-
muenchen.de/ikk/

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  Interdisziplinäre Zusammenarbeit gilt in akademischen Zusammenhängen im allgemeinen zwar durchaus als sehr wünschenswert und dringend notwendig, in der universitären Praxis ist sie allerdings nur selten anzutreffen. Um so erfreulicher mag daher die Kooperation dreier Institute der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität erscheinen, die lange kreißten und doch eine ansehnliche Maus gebaren: Seit dem Wintersemester 1996/97 bereichert das Nebenfach Interkulturelle Kommunikation als erster interdisziplinärer Studiengang dieser Art an einer deutschen Hochschule die Münchener Studienlandschaft. Ein reger Zuspruch seitens der Studierenden ließ die Initiative der Institute für deutsche und vergleichende Volkskunde, für Völkerkunde und für Deutsch als Fremdsprache schnell zu einem derart großen Erfolg werden, daß die Studienqualität fast von Beginn an häufig schon wiederum unter überfüllten Veranstaltungen zu leiden hatte. Mittlerweile versucht man die Zahl der Studienanfänger über einen strengen Numerus Clausus zun regeln.

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  Vorausgegangen war diesem Erfolg eine zweijährige Pilotphase, die vom Verband der Arbeitgeber Bayerns finanziert wurde. Zum Wintersemester 1997/98 konnte schließlich die dem Projekt zugewiesene C3-Professur mit Alois Moosmüller erstmals besetzt werden. Sämtliche weitere Lehrtätigkeit bestreiten die drei beteiligten Institute aus ihren regulären Lehrdeputaten. Zusammen geben sie auch die Reihe Münchener Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation heraus.



Ludwig-Maximilians-
Universität München
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  Neben dem Kerngegenstand, verstanden als kommunikatives interaktives Handeln von Menschen aus verschiedenen Kulturen, befaßt sich der Studiengang weiterhin mit Fragen der Wahrnehmung und Stereotypisierung, der Enkulturation und Akkulturation, des Kulturwandels, von Modernisierung und Globalisierung sowie internationaler Zusammenarbeit, von Migration, Identität sowie regionaler und lokaler Interkulturalität. In seinem Ansatz versteht er sich als kulturallgemein, was ein exemplarisches Vorgehen nicht ausschließt.

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  Ihren theoretischen und methodischen Hintergrund sieht die Münchener Initiative besonders in der Kulturanthropologie, vor allem angelsächsischer Prägung, mit der Erforschung und Analyse eigener und fremder kultureller Systeme. Anleihen aus der Kommunikationswissenschaft sowie der interkulturellen Psychologie und interkulturellen Pädagogik fließen ebenfalls mit ein. Auch wenn offiziell als zweites Standbein die linguistische Tradition der Beschreibung und Analyse kommunikativen Handelns und des Fremdverstehens firmiert, bleibt sie in der konkreten Studienrealität doch deutlich unterbelichtet.

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  Dies ist um so bedauerlicher, als besonders kontinentale linguistische Ansätze, wie etwa der der Diskursanalyse, ein hohes theoretisches und methodisches Bewußtsein entwickelt haben, das einen hilfreichen Beitrag dazu leisten könnte, den theoretischen Fundierungsbedarf der interkulturellen Kommunikation als neuer wissenschaftlicher Disziplin produktiv mit aufzuarbeiten. In der starken Praxisorientierung des Faches, wie es in Nordamerika vorwiegend betrieben wird, bleiben Theoriediskussion und Methodenreflexion mitunter unzulänglich, so teilweise auch in München. Gerade im Verfolgen eines vermeintlich kulturallgemeinen Ansatzes entsteht etwa die Gefahr, erneut vorschnell in eurozentrische Verkürzungen abzugleiten. Auf der Höhe einer theoretisch abgesicherten Reflexion zur interkulturellen Kommunikation befindet sich das Fach in München somit im Augenblick insgesamt nicht uneingeschränkt.

Bertold Bernreuter studierte Philosophie, Germanistik, Interkulturelle Kommunikation und Geographie an den Universitäten Münster, Wien, Mexiko-Stadt (UNAM) und München.

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  Dringend Not täte also, sich diesen Herausforderungen engagiert zu stellen, um den Studierenden ausreichend Möglichkeiten zu eröffnen, sich auf festen wissenschaftlichen Boden zu stellen. In den sechs Jahren seines Bestehens hat sich an der starken Wirtschaftsorientierung allerdings nur wenig geändert. Wenn auch viele andere Aspekte als wirtschaftliche im Lehrangebot vertreten sind, können sie bisher bei weitem nicht die enorme Bandbreite des in sich interdisziplinären Ansatzes interkultureller Kommunikation als Wissenschaftsdisziplin abdecken. Die Gefahr, letztlich zur theoretisch blinden und methodisch naiven ancilla oeconomiae verdreht zu werden, ist also noch nicht gänzlich gebannt.



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