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Michelle Becka

Menschenrechte im Kontext der Globalisierung

Bericht zum VII. Internationalen Seminar des Dialogprogramms Nord-Süd



Begründungen und Wirkungen von Menschenrechten im Kontext der Globalisierung
VII. Internationales Seminar des Dialogprogramms Nord-Süd
4.-7. Oktober 2000
Universität Bremen




Veranstalter:



Universität Bremen
Studiengang Philosophie
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Missionswissenschaft-
liches Institut Missio e.V. (Aachen)
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1

  Vom 4. bis 7. Oktober 2000 fand an der Universität Bremen das VII. Internationale Seminar des Dialogprogramms Nord-Süd statt. Das Dialogprogramm, das sich in seinen Anfängen auf eine Auseinandersetzung zwischen Befreiungsphilosophie und Diskursethik beschränkte, sich 1993 einer größeren Themenvielfalt öffnete und zu einem Forum interkultureller philosophischer Diskussion wurde, gab nun einer weiteren Veränderung Ausdruck, indem "philosophisch" aus dem Titel genommen wurde, womit die Zentrierung auf eine Wissenschaft aufgehoben und die gleichberechtigte Teilnahme anderer Wissenschaften erleichtert werden sollte. Damit wurde dem interdisziplinären Ansatz Ausdruck gegeben, der das Programm seit langem prägt.

2

  Das Thema, zu dem sich etwa 50 TeilnehmerInnen versammelt hatten, lautete "Begründungen und Wirkungen von Menschenrechten im Kontext der Globalisierung"  1  und knüpfte inhaltlich an die vorangegangene Tagung in San Salvador an.  2  Während sich die Diskussion dort vor allem um Menschenrechte im Spannungsfeld zwischen Universalitätsanspruch und Partikularismus bewegte, herrschte in Bremen grundsätzlich Konsens bezüglich deren Universalität. Leitgedanke war die Herausforderung durch die aktuelle Globalisierung: Wie können Menschenrechte gestärkt werden, wie sind sie zu begründen, und welche Wirkung zeigen sie im aktuellen Weltzusammenhang?

3

  Im Eröffnungsvortrag beleuchtete Alejandro Serrano Caldera (Managua, Nicaragua) das Phänomen der Globalisierung aus einer politischen Perspektive. Er formulierte Wegmarken einer neuen Politik, in der Homogenität und Uniformität einer neuen Anerkennung von Diversität und Pluralität weichen. Indem er eine Stärkung der Politik – verankert in den Kulturen und nicht losgelöst von Fragen der Moral – gegenüber neoliberalen Tendenzen forderte, eröffnete er Perspektiven für das erste Forum der Tagung, bei dem es um Kontexte der Globalisierung ging.

4

  Eine wesentliche Dimension der Globalisierung ist die wirtschaftliche, die zudem häufig als Sachzwang dargestellt wird, dem sich alle anderen Bereiche unterzuordnen haben. Jörg Huffschmid (Bremen) erläuterte, worin die wirtschaftliche Globalisierung besteht und zeigte auf, daß die vermeintlichen Sachzwänge auf bewußte politische Entscheidungen zurückzuführen sind – ein politisches Projekt "Ungleichheit".

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  Im Anschluß wurden nationale und kulturelle Kontexte von Globalisierung aufgezeigt durch zwei Vorträge von Raymond B. Goudjo (Cotonou, Benin) und Philippe Richard (Lyon) zur speziellen Fragestellung in Afrika sowie durch Hyondok Choe (Seoul), die einen Einblick in die Anliegen der asiatischen Frauenbewegung gab und für eine Umsetzung der Menschenrechte aus emanzipatorischen Interesse plädierte.

»Zu unserer Aufgabe gehört demnach hier der Versuch, den Kontext der neoliberalen Globalisierung am Leitfaden des befreienden Menschenrechtsethos kritisch zu beurteilen.«

Raúl Fornet-Betancourt
(Anm. 2, 8)

6

  Im zweiten Forum wurde die Philosophie der Menschenrechte im Nord-Süd-Dialog erörtert. Hier wurde die Begründungsfrage zwar berührt, der von Raúl Fornet-Betancourt in der Einleitung geäußerten Erwartung einer Pluralität von Begründungen wurde jedoch nicht entsprochen, da der abendländische Entstehungskontext kaum als problematisch bewertet wurde.

7

  Für begriffliche Klarheit sorgte die juristische Darstellung von Gerhard Stuby (Bremen), die besonders die Entstehungsgeschichte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte umriß und deutlich machte, daß damals viele Fragen, die wir heute diskutieren, bereits thematisiert wurden. Während Dimas Figueroa (Tübingen) die Menschenrechte als normative Regulierung und ethische Verbindlichkeit innerhalb der Weltgesellschaft darlegte, erläuterte Manfredo Araùjo de Oliveira (Fortaleza, Brasilien) die Sicht der Befreiungsphilosophie, die als vorrangige ethische Option die Befreiung des Armen beinhaltet, und die Menschenrechte als Instrumente zur Verwirklichung der Rechte der Armen auffaßt. Enrique Dussel (Mexiko-Stadt) vertiefte diese Überlegungen, indem er die Entstehung der konkreten Menschenrechte in einem Aufbruch verortet, in dem die Normativität eines bestehenden Rechtssystems durch die Integration eines neuen Teils in diesen Korpus abgelöst wird, womit eine neue Souveränität entstehe, die den bisher Ausgeschlossenen zu ihren Rechten verhilft.

8

  Desweiteren erläuterte Hong-Bin Lim (Seoul) den engen Zusammenhang zwischen Demokratisierung und Menschenrechten und nannte die Probleme, die sich dabei in der stark "kommunitaristischen" koreanischen Gesellschaft stellen.

amnesty international
Sektion Deutschland
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9

  Ein drittes Forum war der Praxis der Menschenrechte gewidmet. Diese Dimension ist von Bedeutung, weil sie »den Ort darstellt, an dem die Entstehung und Verwirklichung einer weltweiten politischen und moralischen Kultur der Menschenrechte entschieden wird, und so auch der Ort ist, an dem Theorien ihre Kohärenz und Konsistenz zu überprüfen haben«.  3  Neben einem Einblick in die Menschenrechtspolitik der Bundesregierung durch den Bundestagsabgeordneten Volker Kröning (Berlin) wurde von August Rößner (Aachen) die Menschenrechtsarbeit von Missio und von Heiner Bielefeldt (Bielefeld) die von Amnesty International vorgestellt, wobei sich Bielefeldt auf die besondere Funktion der Öffentlichkeit konzentrierte.

Michelle Becka
promoviert in Katholischer Theologie an der Universität Tübingen.

10

  Obwohl die Auseinandersetzung zwischen Partikularismus und Universalismus der Menschenrechte nicht Gegenstand der Tagung, war die Problematik bezüglich der Anwendung der Menschenrechte doch relevant: Aus dem Blickwinkel der Praxis stellte sich die Frage, ob der Norden bezüglich Menschenrechte nicht mit zweierlei Maß messe und das Anliegen in den Hintergrund trete, wenn es um wirtschaftliche Interessen gehe (Beispiel Rüstungsexporte).

11

  Somit wurden die Schwierigkeiten innerhalb der Thematik weniger in der Begründung der Menschenrechte gesehen, sondern in der Glaubwürdigkeit ihrer Umsetzung. Es stellt sich die Frage, ob daraus gefolgert werden kann, daß die Theorien nicht konsistent sind oder ob sie in der Praxis an machtpolitischen Interessen scheitern. Ersteres würde eine erneute Auseinandersetzung mit Menschenrechtsbegründungen erfordern, letzteres verweist wieder auf den Kontext der Globalisierung, innerhalb dessen die Menschenrechtspolitik einerseits den sogenannten Sachzwängen unterliegt, während sie diesen Kontext doch andererseits gestalten und verändern möchte.


Anmerkungen


 1   

Eine Dokumentation des Seminars wird 2001 im Verlag für Interkulturelle Kommunikation, Frankfurt/M., erscheinen, herausgegeben von Raúl Fornet-Betancourt

 2   

Vgl. dazu: Raúl Fornet-Betancourt (Hg.) (2000): Menschenrechte im Streit zwischen Kulturpluralismus und Universalität. Frankfurt/M.: IKO (Denktraditionen im Dialog: Studien zur Befreiung und Interkulturalität), und Elisabeth Steffens (1998): "Menschenrechte im Nord-Süd-Dialog". In: polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren 2 (1998), 113-115. 

 3   

Raul Fornet-Betancourt im Einführungsvortrag (Manuskript, 7). 



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