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Ulrich Lölke

Die Universalität der Vernunft
in einer Wissenschaft vom Konkreten



Verstehen und Verständigung
Ethnologie – Xenologie – Interkulturelle Philosophie
Internationales und Interdisziplinäres Symposium
22.-24. Februar 2001
Universität Gesamthochschule Kassel

Vortragsthemen:
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  Vom 22. bis zum 24. Februar 2001 trafen sich auf Einladung von Wolfdietrich Schmied-Kowarzik an der Gesamthochschule Kassel etwa 100 PhilosophInnen, EthnologInnen, XenologInnen und VertreterInnen anderer Fächer, um sich über die je unterschiedlichen Dimensionen eines Verstehen des Fremden zu verständigen.  1  Das stark wachsende Interesse an der Kulturalität menschlicher Erfahrungen und ihrer Darstellungsformen machen es möglich, dass sich die Fächer, die sich maßgeblich an den Hochschulen mit dem Fremden beschäftigen, nach gemeinsamen Interessen und Strategien umsehen.

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  Die Ethnologie hat hier ihr Feld und kann durch den anhaltenden Streit um ihre Theorien und Methoden mit einigen Ergebnissen aufwarten. Die Philosophie, seit der Aufklärung in Europa eher als xenophob zu bezeichnen, versucht Boden gut zu machen. Die Xenologie, in Deutschland u.a. durch L.J. Bonny Duala-M'bedy vertreten, möchte sich in diesen Reihen als eigenes Fach mit einem eigenen Arbeitsschwerpunkt etablieren.



 Aufklärung und Dogmatismus



Veranstalter:




Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Philosophische Grundlagenprobleme der Wissenschaften und der gesellschaftlichen Praxis
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  Schmied-Kowarzik bemühte sich, in seiner Eröffnungsrede die je unterschiedlichen Herausforderungen der Fächer anzusprechen. Die Ethnologie, die besonders von der Asymmetrie des Fremdverstehens betroffen sei, stehe in einem historischen Bezug zur kolonialen Vergangenheit und komme nicht an der Wahrnehmung ihrer eigenen Geschichte als Kolonialwissenschaft vorbei. Auch für die Xenologie bedeutet die Beschäftigung mit dem Kolonialismus, die Bedingungen interkultureller Dialoge offen zu legen. Eine Fundamentalkritik an der Ethnologie ist trotzdem nicht gewünscht, so Schmied-Kowarzik, da die in der Ethnologie angelegte Verständigung wichtig ist, um den Übergang vom Fremden zum Feind verhindern zu helfen. Das Fremde gelte es auszuhalten. Ein vollständiges Verstehen impliziere das Verschwinden des Fremden als Stachel.

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  Die Philosophie hat sich dabei in ihrer europäischen Geschichte um die eine universale Vernunft bemüht. Sie wollte die Menschen überzeugen, dass alle Unterschiede sich auflösen ließen, wenn man konsequenter zu den letzten Dingen vorstoße. Diesen Anspruch hat sie mal mehr und mal weniger entschieden vertreten. Schmied-Kowarzik bescheinigte der Vernunft, seit Anbeginn der Menschheit existiert zu haben. Seitdem vollziehe sie ein zwar ungleichzeitiges Voranschreiten, das aber von Jaspers in seinem Begriff der 'Achsenzeit' einen geschichtlichen Abgleich erfahren habe. Gegenüber einer von der Universalität menschlicher Vernunft geprägten Philosophie stehen Dogmatismus und Fanatismus, die für Schmied-Kowarzik keine Gesprächspartner sein können, sondern bekämpft werden müssen, wenn auch mit dem Mittel der Philosophie: der Argumentation.

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  Letztlich sei das Ziel allen Philosophierens, jene universale Vernunft aus den sich unterscheidenden menschlichen Lebensformen zu 'entbergen', mit dem weiteren Ziel einer gemeinsamen Sinngebung. Interkulturelle Philosophie suche dabei nach Verständigung, die mehr als bloßes Verstehen ist. Sie begreift sich dabei als unabgeschlossenes Projekt sittlich-praktischen Menschseins, mit dem Anspruch einer gemeinsamen Sinnorientierung. Dies solle dem interdisziplinärem Gespräch zwischen Ethnologie, Xenologie und interkultureller Philosophie ins Auftragsbuch geschrieben sein, so Schmied-Kowarzik in seiner Eröffnungsrede.



 Hermeneutik einer polykulturellen Welt

Methodologie des Hörens:
Erweiterung traditioneller Hermeneutik im Rückgriff auf eine Philosophie der Differenz und eine Dialogphilosophie

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  Heinz Kimmerle und Franz Wimmer eröffneten den Reigen als Vertreter einer interkulturellen Philosophie im deutschsprachigen Raum. Beide setzen sich seit vielen Jahren für die Anerkennung der Interkulturalität von Philosophie ein. Kimmerle geht dabei von einer Hermeneutik aus, die mit Gadamer einen wichtigen Schritt vollzogen habe, um die abendländische Philosophie aus ihrer selbstreferentiellen Geschlossenheit zu befreien. Allerdings tue Gadamer diesen Schritt nicht selbst, sondern bleibe mit der historischen Bindung der Philosophie an den einen (antiken) Ursprungsort verhaftet. Um Hermeneutik als eine interkulturelle Philosophie betreiben zu können, brauche es also eine Erweiterung ihrer Gadamer'schen Prägung. Die dazu nötigen Herausforderungen sieht Kimmerle einerseits in der Philosophie der Differenz von Adorno über Heidegger bis zu Derrida, als auch in einer Dialogphilosophie, die sich unter anderem auf die platonische Philosophie beziehen könnte, deren Thema schon die dialogische interkulturelle Verständigung war.

»Traue keiner philosophischen Regel, die von nur einer Tradition oder Kultur begründet ist.«

Franz Wimmer

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  Kimmerle sieht in der Geschichte der abendländischen Philosophie bis zu Habermas ein gleichzeitiges Sichöffnen und Sichverschließen des Denkens. Diese Koppelung gilt es zu durchbrechen, etwa mit dem Versuch, die Festlegung der Hermeneutik auf Schrift durch eine Hermeneutik oraler Literaturen zu erweitern. Dazu schlägt er eine »Methodologie des Hörens« vor. Erst der französischen Philosophie gelänge es mit Hilfe eines erweiterten Rationalitätsbegriffs, etwas Neues in die eigene Erzählung vom Fremden einzuführen. Hier bezieht Kimmerle sich namentlich auf Lyotard, auf Deleuze und Guattari, auf Kristeva und natürlich auf Derrida.

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  Franz Wimmer versteht Philosophie als eine metasprachliche Suche nach Verständigung, wobei die kulturellen Prägungen jeder Sprache das Problem der Kulturalität entstehen lasse, das sich als Dilemma nicht auflösen lässt. Es braucht Regeln, um Philosophie an eine polykulturelle Welt heranzuführen. Eine lautet: Traue keiner philosophischen Regel, die von nur einer Tradition oder Kultur begründet ist. Wimmer sieht eine historische Entwicklung, in der Überzeugungsprozesse in unterschiedlichen Kulturen und multikulturellen Zentren ablaufen. Monologe sind das, was die westlichen Industrienationen im Rahmen ihres weltweiten Hegemoniestrebens betrieben haben. Das Fremde wird (in beiden Bedeutungen des Wortes) verdrängt. Es entsteht die Vorstellung von Zivilisationsprozessen, die auf ein Zentrum zulaufen. In einem zweiten Schritt entstehen erste gegenseitige Beeinflussungsprozesse, die Wimmer als Dialoge bezeichnet. Erst in einem dritten Schritt entwickeln sich schließlich Prozesse gegenseitiger Beeinflussung bei bestehenden Differenzen. Dies ist der von ihm favorisierte Polylog. Auch hier hätte eine "Methodologie des Hörens" sicherlich ihren Platz.

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  Die aus anderen historischen Erfahrungen entstandenen unterschiedlichen Interessen bleiben allerdings bestehen. Dies ist z.B. erkennbar am differierenden Umgang mit jener vom Westen hervorgebrachten universalen Vernunft. Die westlichen Konzepte werden nicht zwangsläufig übernommen. Widersprüchlich erschien an Wimmers Position, dass er die im Süden und in den USA stärker rezipierte postkoloniale Philosophie und Theorie mit dem Vermerk ihrer Partikularität (Relativismusvorwurf) abgetan hat.

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  Wolfgang Leo Maar aus São Paulo beschäftigte sich mit der deutschen Philosophie nach Auschwitz und dem von Adorno vorgebrachten 'kategorischen Imperativ'. Verständigung wird nach Maar im technischen Zeitalter, unter den Bedingungen der von Adorno und Marcuse ausgeführten Verdinglichungsprozesse, zu einem aufklärerischen Impuls, wenn sie als Ausweg aus diesen interpretiert werden könnte. Adorno habe sich die Fortsetzung seiner Minima Moralia, so Maar, als eine Beschäftigung mit den 'Graeculi' gedacht, den gebildeten Griechen, die im imperialen Rom für die Übersetzung griechischer Kultur in die römische zuständig waren und die sich damit an eine ihnen fremde Kultur anpassen mussten: die ersten eindimensionalen Menschen, aber mit einer Erweiterungsoption. Maar sieht im Verständigungsprozess eine mögliche Transzendenz der Warengesellschaft.



 Das Fremde wird gemacht

»Es bestehe die Gefahr, dass der Hegemonialanspruch, der lange durch die Biologie (etwa durch den Rassebegriff) gedeckt war, nach Huntington auf den Kulturbegriff übertragen werden solle.«

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  Werner Ruf hat sich als Politikwissenschaftler mit den politischen Prozessen von Abgrenzung und Ausschluss beschäftigt: der Etablierung einer Homogenität als bürgerliche Gesellschaft. Deren Aufstieg ist gleichzeitig der Aufstieg einer Wissenschaft, die Abgrenzung und Disziplinierung zu einem zentralen Anliegen macht. Nation konstituiert sich über die Linguistik und die Biologie. Das Fremde wird gemacht.

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  Die Klassifizierungen der Biologie seit Linné waren dazu bestimmt, das Eigene mit den Insignien des vollendeten Menschen zu belegen (wobei die Vernunft eine herausragende Rolle übernimmt). Mit dem Zerfall dieses, so Ruf, »Westfälischen Systems«, der Integration nationaler Souveränität über deckungsgleiche Kulturräume (Sprache, Aussehen), wird ein neuer Handlungsbedarf suggeriert. Samuel Huntington habe mit seiner Studie The Clash of Civilisations einen Pradigmenwechsel einleiten wollen, der um so fataler ist, als die Studie selbst mit ungeheuren Vereinfachungen arbeitet und sich nicht ernstlich bemüht, ihre Begrifflichkeiten zu differenzieren. Es bestehe die Gefahr, dass der Hegemonialanspruch, der lange durch die Biologie (etwa durch den Rassebegriff) gedeckt war, nach Huntington auf den Kulturbegriff übertragen werden solle. Ruf warnte damit eindringlich vor der Reproduktion der Ein- und Ausschlussstrategien der Naturwissenschaften in den Kulturwissenschaften.



 Die Geschichtlichkeit interkultureller Verständigungsprozesse

»Nah im Raum wohnen die Menschen, aber hart stoßen sich die Gedanken.«

Mohamed Turki

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  »Nah im Raum wohnen die Menschen, aber hart stoßen sich die Gedanken«, konstatierte Mohamed Turki frei nach Schiller und projizierte darüber das Bild des Mittelmeeres als das historisch eigentliche (geistige) Zentrum Europas. Die Erfahrung dieses multikulturellen Raumes war es, Ort des Kulturaustauschs zu sein. Erst in jüngerer Zeit haben sich die Fronten verhärtet. Identität wurde zunehmend als Ausschluss dessen angesehen, das nicht zum Eigenen gehört. Die Erben der mittelmeerischen Kulturen könnten hier an eine lange Tradition der Offenheit anschließen. Identität wie sie heute verstanden wird, würde zu einer Falle. Turki erinnerte an die multikulturellen Traditionen des Mittelmeeres. Der Weg zum Fremdverstehen führe über die Anerkennung von Pluralität und Differenz, über eine Interkulturalität als eine offene Perspektive der Verständigung, letztlich dahin, den Zusammenhang von Identität und Pluralität zu begreifen. Das Scheitern dieses Prozesses wird markiert von den fortgesetzten Versuchen der Universalisierung des Westlichen, wie in Huntingtons "Clash of Civilisations", wie auch von der mangelnden Bereitschaft arabischer Intellektueller, ihre Mitschuld an der Orientalisierung des Orients (Edward Said) einzusehen; aber genauso auch von den vor laufenden Fernsehkameras brennenden Häusern z.B. des Kosovo.

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  Widerspruch gab es vor allem für seine Schwächung des Identitätsbegriffs. Fremdverstehen könne, so Schmied-Kowarzik, nur auf der Basis einer starken Identität entstehen. Es war interessant zu hören, dass Tunis einen UNESCO-Lehrstuhl hat, der dem Thema vivre ensemble verpflichtet ist.

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  Der Orientalist Alexander de Groot sprach über die "levantinische Dragomane" und entwickelte an ihrem Beispiel das Vorbild einer Übersetzertätigkeit, die im multikulturellen Osmanischen Reich eine zentrale, bis in die heutigen diplomatischen Traditionen fortwirkende Bedeutung habe.



 Xenologie

 

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  Die Vertretung der Xenologie übernahmen vor allem Jörn Behrmann und L.J. Bonny Duala-M'bedy, die beide bemüht waren, ihre Forschungsrichtung im Lichte deutscher Wissenschaftstraditionen darzustellen. Für ersteren waren dies insbesondere die naturwissenschaftlichen Traditionen der Jahrhundertwende, für den zweiten die Phänomenologie und die Wissenssoziologie Alfred Schütz'. Dessen "sinnhafter Aufbau der sozialen Welt" habe seinen Ausgangspunkt vor allem in der Frage des Fremdverstehens. Damit komme vor allem die Multidisziplinarität der Xenologie zum Ausdruck.



 Eine Wissenschaft vom Konkreten





»Welche Richtung nimmt eine Anerkennung des Fremden, wenn es sich als eigene Wissenschaft herausbildet? Wenn Verstehen Machen ist, muss es einen Übergang vom Logos zum Thymos geben, von der Hermeneutik zur Initiation.«

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  Für Begeisterung sorgten die Vorträge der beiden Ethnologen Mark Münzel und Klaus-Peter Koepping. Dessen These, Authentizität (als klassische Kategorie und Problematik der Ethnologie) lasse sich nur im Konkreten, im Umgang mit konkreten Menschen erreichen, wurde durch die Vorträge beider so eindrucksvoll nachgewiesen, dass die Philosophie dies nur (neidvoll) anerkennen konnte. Viele Fragen des Fremdverstehens erhalten ihre Antworten erst im Konkreten, vor allem im Umgang mit dem Material, dessen narrative Komponente anderen Wissenschaftsbereichen verborgen bleibt. Kimmerles Anregung zu einer "Methodologie des Hörens" mag hierzu ein erster Ansatz für die Philosophie sein.

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  Münzel erinnerte daran, dass Fremdverstehen seine Grenzen im Erschrecken über die Diskursarten der Anderen finden kann: wenn es sich z.B. um nicht-akademische Diskurse oder um Anthropophagie (Kannibalismus) handele (dessen Authentizität Münzel in Frage stellte).

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  Koeppings Ausführungen zur Authentizität lassen sich auch als Frage an die Legitimität einer Wissenschaft vom Fremden lesen. Welche Richtung nimmt eine Anerkennung des Fremden, wenn es sich als eigene Wissenschaft herausbildet? Wenn Verstehen Machen ist, muss es einen Übergang vom Logos zum Thymos geben, von der Hermeneutik zur Initiation. Das vollständige Verstehen des Fremden ließe sich nach Koepping nur als Entrophie einer Kultur begreifen. Verstehen führt auch nach Münzel zur Abstraktion. Eine Begegnung von Mensch zu Mensch, die zwar auch den Hass ermöglicht, ermöglicht aber über das Gefühl vielleicht doch auch Verständigung. Der Anspruch des (reinen) Verstehen gerate an seine Grenze, wenn der Gesprächspartner keine Thesen vorbringt, sondern Parabeln, wenn er von einem Denken geleitet ist, das zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt changiert oder das Interesse nicht der andere Mensch ist, sondern ein Netz von Beziehungen. Koepping schlägt daher eine performative Feldforschung vor: ein hervorragender Anknüpfungspunkt für interkulturelle Philosophie, deren Umsetzung aber wohl noch aussteht. Verstehen würde damit zu einer initiativen Teilnahme, das funktionieren kann, aber nicht muss. Wird das Motiv des Feldforschers performativ statt informativ verstanden, ist Raum für Doppeldeutigkeit und Lücken (Inkommensurabilitäten), die für das gegenseitige Verstehen – die Verständigung – wichtig sind und akzeptiert werden müssten.



 Inklusionen und Exklusionen

»Die Selbstexklusion stellt eine extreme Form der Verständigungs-
verweigerung dar, die unter Umständen die einzige mögliche Distanzierung von einer nicht-integrationsbereiten Gesellschaft sein kann.«

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  Betty Oliveira sprach über Bildungsarbeit im interkulturellen Kontext und war geleitet von der Frage, welcher Universalisierung die Bildung dienen solle, der des Menschen oder der des Marktes. Johannes Weiß hat aus der Soziologie mit Hilfe von Kreuztabellen Bewegungen von Inklusionen und Exklusionen beobachtet. Wann kommt es zu Inklusionen und wann zu Exklusionen? Worin liegen die Motivationen? Welche In-/ Exklusionen werden wie beurteilt? Die Selbstexklusion stellt eine extreme Form der Verständigungsverweigerung dar, die unter Umständen die einzige mögliche Distanzierung von einer nicht-integrationsbereiten Gesellschaft und die einzig mögliche Kommunikationsform für eine "unerhörte", kaum kommunizierbare Erfahrung sein kann.

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  Justin Stagl fragte nach der Rezeptionsfähigkeit von Neuem in sozialen Verbänden. Grundsätzlich erfolgt die Aufnahme von Neuem nur ungern – ist aber für das Überleben zuweilen notwendig. Sie erfolgt dann über den Versuch einer Zirkulation zwischen dem Zentrum, das das Regelwissen einiger Experten enthält, und der das Sinnmaterial liefernden Peripherie, in der – durch das Zentrum gesteuert – Wissen unbemerkt regeneriert wird. Erst in Krisensituationen kann sich diese "Arbeitsteilung" von Peripherie und Zentrum umkehren.



 Zwischenzeiten

»Auf der Ebene der radikalen Differenz ist ein Zusammen-Kommen nicht möglich, da die Praxis der Anerkennung als Grundlage Gemeinsamkeit benötigt.«

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  Heinz Paetzold orientierte sich vor allem an der vom amerikanischen Kommunitarismus angeregten Multikulturalismusdebatte (Charles Taylor). Würde diese durch Kwasi Wiredus Konsensprinzip ergänzt, könnte eine interkulturelle Theoriebildung entstehen, die nach Paetzold zur Klärung unseres multikulturellen Selbstverständnisses beitragen würde. Für die Kulturphilosophie bedeutete dies die Anerkennung jener im Zuge des Kolonialismus ausgeschlossenen Anteile.

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  Andre Kiss versuchte Interkulturalität als ein Phänomen der Globalisierung über eine Kategorie des Individualismus zu transformieren. Furtwängler forderte einen Paradigmenwechsel in der Psychiatrie vom Ego zum Fremden – eine xenologische Psychiatrie, die das Nicht-Ich thematisiert und dadurch zu einer Öffnung und Mehrdimensionalität führe.

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  Der Generationswechsel kam mit Ronnie Peplow zum Tragen, der als Vertreter einer jüngeren Generation in einem klar strukturierten Vortrag sich mit Aspekten einer interkulturellen Dialogik beschäftigt hat. Diese setzte er in Verhältnis zu interkultureller Kommunikation, Erkenntnis, Ethik, sowie zum Anderen und Fremden und stellte am Ende die Frage nach möglichen Gemeinsamkeiten. Auf der Ebene der radikalen Differenz ist ein Zusammen-Kommen nicht möglich, da die Praxis der Anerkennung als Grundlage Gemeinsamkeit benötigt. Möglichkeiten hierfür sieht Peplow über das Phänomen der Zwischenzeit und über die ständige Veränderung kultureller Formen – auf politischer Ebene etwa in der gemeinsamen Teilhabe von Minderheiten und Mehrheit an kulturellen Praktiken.

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  Jens Loenhoff ging in seinem interdisziplinär angelegten Vortrag davon aus, dass vorreflexive Erfahrungen sinnorientiertes Handeln leiten und dass alltagsweltliche Vorurteile in wissenschaftliche Urteile eingehen. Folglich sind sie auch für die interkulturelle Kommunikation relevant und bilden so ein nötiges Gegengewicht zur Betonung der Intentionalität. Dies ist insbesondere wichtig, weil die Zuschreibung von Intentionen in verschiedenen Kulturen auf verschiedene Weisen erfolgt. Ohne der Intentionalität die Relevanz abzusprechen, plädiert Loenhoff deshalb für eine Verhältnisbestimmung von Kommunikation und (vorreflexivem) Bewusstsein innerhalb der (interkulturellen) Kommunikationstheorie.

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  Christian Wehlte schloss die Tagung mit einer Einführung in eine Kultur des Fremden, die er mit Bezug auf Simmel entwarf. Dabei muss das Fremde fremd bleiben, Begegnung mit dem Fremden bleibt das Ergebnis ambivalenter Werteempfindungen.



 Resümee

Ulrich Lölke
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zentralen Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik der Universität Hannover.


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  Welche Einheit lässt sich in dieser Vielheit der Stimmen finden? "Sieger nach Punkten" ist sicher die Ethnologie. Ihre Erfahrung, dass das Fremde nicht zur Formel schrumpfen darf, sondern der Bezug zu konkreten Menschen repräsentiert bleiben muss, scheint für die angestrebten Verständigungsprozesse elementar zu sein. Die tatsächliche (und vielleicht konfliktreiche) Konfrontation bleibt für die akademischen Diskurse unabdingbar, auch wenn diese Konfrontation Erschreckendes zu Tage fördern kann (wie Anthropophagie usw.).

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  Eine Debatte über das Fremde im Sinne einer diskursive Kategorie, sein Verstehen im Allgemeinen muss vage bleiben. Allgemeine Modelle sind nicht in Sicht. Operationable Verfahren sind möglichst zu vermeiden, wenn nicht sogar zu verhindern. Fremdheitserfahrungen sind ja schon zwischen den Fächern zu machen. Überhaupt ist der Alltag durchzogen von diesem Fremden, und es ist gleichermaßen erschreckend, nicht erst mit dem Auftauchen des Kopftuchs in europäischen Schulen oder des Kannibalen in der Neuen Welt. Dem Buchtitel Julia Kristevas folgend (Étrangers à nous-mêmes), sind das Fremde, welches wir zu verstehen bemüht sind, bestenfalls wir selbst. Um dieses zu verstehen, benötigen wir allerdings die Anderen. Fremdverstehen ist immer gekoppelt an das Eigene, da das Fremde notwendig eine Konstruktion bleibt, deren Bedeutung ihm von uns gegeben wird. Die Erweiterung der Hermeneutik erschöpft sich nicht in der Aufwertung des Hörens. Die Dimension des Sprechens/Sagens bedarf gleichermaßen einer Revision. Der Rollenwechsel zwischen Katheder und Auditorium, zwischen Couch und Stuhl müssen im Dialog selbstverständlicher werden. Werner Ruf hat auf einen elementaren Aspekt gegenwärtiger Kulturwissenschaften aufmerksam gemacht. Sie muss mit allen Mittel gegen eine Stabilisierung der (begrifflichen) Territorien vom Eigenen und vom Fremden kämpfen, gegen die Perfektionierung der Grenzen zwischen uns und ihnen, gegen einen "Westfälischen Frieden" homogenisierter Begriffsfelder.


Anmerkungen


 1   

Ich danke Michèle Becka herzlich für ihre Hilfe im Umgang mit dem Material, für die gute Verständigung über das mir fremd Gebliebene sowie für manche Formulierungen. 



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